Jeder Mensch kennt diese Situation: man bekommt von Jemanden Vorwürfe an den Kopf geworfen. Oft wird man damit überraschend konfrontiert. Man weiß nicht sofort, was man antworten soll. Es bleiben einem nur der Gegenangriff oder die Flucht. Was steckt eigentlich hinter den Fassaden zweier streitenden Personen? Und wie könnte eine konstruktive Lösung aussehen?
Die Situation als Kritisierter
Bereits als Kinder bekommen wir oft den Vorwurf unser Zimmer sei zu unordentlich. Die möglichen Reaktionen sind: den Vorwurf zu ignorieren und sein Zimmer unaufgeräumt zu lassen oder sich zu beugen und aufzuräumen. Dadurch wird aber das „Ordnung halten“ immer nur mit etwas Negativem verbunden bleiben. Kein Kind macht es freiwillig aus Liebe zur Ordnung oder weil es selbst gelernt hat, dass es für sich von Vorteil sein kann Ordnung zu halten. Selbst wenn nach außen hin der Vorwurf in diesem Fall gewirkt haben mag, so hat es doch eigentlich das Gegenteil bewirkt. Das Kind wird nie gerne aus freien Stücken aufräumen. Außer es bemerkt selbstständig, welche Vorteile Ordnung mit sich bringt. Wie viele schaffen es wirklich eine Schuldzuweisung nicht persönlich zu nehmen? Und wer nimmt die Kritik positiv auf und ändert sein Verhalten so, wie es der Kritiker sich wünschen würde? Ich wage zu behaupten: die wenigsten. Selbst wenn das Thema einem nicht wichtig ist, wird man auf eine Schuldzuweisung meistens eher mit Trotz, als wie mit Entgegenkommen reagieren. Es sollte einem klarwerden, dass wenn man jemanden Schuldzuweisungen macht (also ein persönlicher Angriff; keine konstruktive, anregende Kritik) nie den gewünschten Effekt erzielen wird. Schlimmer noch: Schuldzuweisungen führen letztendlich zu kaputten Beziehungen und steigern somit nur die eigene Unzufriedenheit. 
„Schuldzuweisungen sagen viel mehr über den Kritisierenden aus, als über den Kritisierten.“
Die Situation als Kritiker
Menschen die gerne und oft andere kritisieren und Vorwürfe machen erhoffen sich insgeheim (bewusst oder unbewusst) sich dadurch höher zu stellen, indem sie jemand anderen runtermachen. Oft ist es auch einfach reine Bequemlichkeit, denn es ist sehr viel einfacher anderen die Schuld zu geben, als sich selbst zu analysieren, woher eine bestimmte Abneigung in einem kommt und, ob man selbst auch einen Fehler gemacht haben könnte. Dieses Bedürfnis einen anderen nieder zu machen und sich dadurch selbst stärker zu fühlen ist jedoch kein Zeichen von Stärke, sondern von Unsicherheit. Menschen die mit sich selbst zufrieden sind brauchen andere nicht klein zu machen um sich besser zu fühlen – Sie wollen andere eher fördern, damit diese auch „größer“ werden.
„Wie man mit anderen umgeht ist ein Spiegel dessen, wie man mit sich selbst umgeht“
Was innerlich in einem Kritiker vorgeht
Wie bereits gesagt ist starke Kritik an anderen immer auch ein Zeichen von Unsicherheit. Menschen die besonders dazu neigen andere zu bevormunden und zu kritisieren sind auch in ihrem inneren „Selbstgespräch“ sehr kritisch mit sich und haben hohe Erwartungen an sich und andere. Oft ist dies auf die Kindheit zurückzuführen, in der sie selbst viel kritisiert wurden und somit nie ein solides Selbstvertrauen und Grundvertrauen in ihre Umwelt gelernt haben.
„Wer jemanden kritisiert bringt sich unbewusst selbst in eine Opfer-Rolle bzw. Abhängigkeit“
Jemand der einer anderen Person persönliche Vorwürfe macht, demonstriert damit, dass er anderen die Kontrolle über seine Emotionen überlässt und von deren Verhalten abhängig ist. Oft werden Menschen die uns Nahe stehen kritisiert: der Partner, Familienangehörige oder enge Freunde. Bei Fremden, Arbeitskollegen oder dem Chef ist meist zu viel Respekt vorhanden, als dass man ihnen direkt die Meinung sagen würde. Umso trauriger sind die Auswirkungen, wenn man die Menschen, die einem am meisten am Herzen liegen, durch Vorwürfe von sich wegtreibt. Man muss verstehen, dass man absolut niemanden außer sich selbst die Verantwortung für seine eigenen Emotionen geben darf oder kann. Jemanden anderem Vorwürfe zu machen bedeutet, dass man die ganz eigene Persönlichkeit seines gegenüber nicht akzeptiert und respektiert. Zudem ist das Kritisieren anderer ein Zeichen für Bedürfnisse, bei denen der Kritisierende nicht weiß wie er sie selbst lösen könnte. Wenn man nun zusätzlich zu den offensichtlichen Folgen auch noch das Gesetz der Anziehung (dazu in einem späteren Blogbeitrag mehr) beachtet, zieht man durch seine Kritik nur noch mehr Dinge und Umstände an, die man kritisieren kann. Dadurch ersteht schlimmstenfalls eine Abwärtsspirale, die von weiteren Enttäuschungen bis zum Zerbrechen von Beziehungen führen kann. Aber dies muss nicht sein, wenn man ein paar Dinge beachtet.
Wie kann man als angegriffene Person reagieren?
- Nicht versuchen Feuer mit Feuer zu bekämpfen. „Zurückfeuern“ wird die Situation nur unnötig aufheizen und garantiert zu keiner konstruktiven Lösung führen + Die Beziehung zur anderen Person nach und nach beschädigen. Ruhe bewahren, lieber eine kurze Pause nehmen um durchzuatmen und versuchen möglichst freundlich und ruhig zu antworten.
- Versuche zu verstehen welche unterdrückten Gefühle und Bedürfnisse der andere durch die Kritik hervorbringen möchte. Gegenfragen wie „Was möchtest du mir wirklich damit sagen?“ oder „Weshalb stört dich dies so intensiv?“ zeigen ein Interesse am Wohlbefinden des anderen und helfen einem zu verstehen, weshalb der andere einen so emotionsgeladen angreift.
- Eine goldene Regel in der Persönlichkeitsentwicklung heißt „Nehme nichts persönlich!“ So persönlich und verletzend der Vorwurf sein mag – realisiere, dass dies immer ein Spiegel deines Gegenübers ist, der unzufrieden ist. Er selbst ist dafür verantwortlich ob er sich dazu entscheidet negativen oder positiven Aspekten seine Aufmerksamkeit zu schenken.
- Wenn es möglich ist ein konstruktives Gespräch daraus aufzubauen, indem der „Angreifer“ über seine Gefühle und Beweggründe spricht, lassen sich nun ggf. schon Lösungen finden. Man sollte aber auch nur auf solche Lösungen eingehen, die für einen selbst in Ordnung sind. Man sollte sich nicht dazu gezwungen sehen etwas anzunehmen, nur um dem anderen „ein besseres Gefühl“ zu geben oder weil man Mitleid hat.
Wie kann man als Person handeln, die jemanden anderen etwas vorwirft?
- Überlege bevor du einen Angriff startest, was deine Beweggründe sind. Warum genau regt dich dieses Thema so auf? Sei ehrlich mit dir selbst! Vielleicht ist es etwas das du insgeheim an dir selbst nicht magst oder du weißt, dass du auch einen Fehler begangen hast und nun möchtest du es durch den Angriff vertuschen.Überlege dir, ob dieses Thema es Wert ist die Beziehung zu jemanden zu verschlechtern. Wenn du meinst du kommst nicht drum herum deine Kritik loszuwerden dann lies weiter bei Schritt 2. Falls du doch drüber stehen kannst guck dir die Variante weiter untern für Fortgeschrittene an.
- Atme mehrmals tief ein und aus um dich zu beruhigen bevor du ein Thema anspricht, dass dich stört. Nur aus einer ruhigen, selbstbewussten und kooperativen Stimmung heraus macht es Sinn Kritik zu äußern (wenn man meint, dass sie wirklich nötig ist + überhaupt lösbar ist)
- Keine „Du-Vorwürfe“ machen (Du bist zu faul! Du bist zu Unordentlich! …), sondern es in eine „Ich-Erklärung“ verpacken (Ich fühle mich unwohl, wenn es hier nicht ordentlich ist. …). Sprich nur über deine Gefühle, was dir fehlt oder dir zu viel des Guten ist. Dadurch fühlt der andere sich nicht so direkt angegriffen und springt nicht gleich auf Gegenangriff, sondern wird in den meisten Fällen versuchen kooperativer zu bleiben.
- Wenn ihr es hinbekommt einen konstruktiven Dialog zu führen, indem jeder beschreibt wie er sich dabei fühlt und was sich hinter dem Thema vielleicht verbirgt oder angestaut hat, könnt ihr versuchen eine Abmachung zu treffen. Sei dir aber bewusst, dass du ganz allein für deine Gefühle verantwortlich bist! Die Person die du kritisiert ist nicht dafür verantwortlich wie du dich fühlst und somit auch nicht verpflichtet eine Abmachung zu finden. Wenn sie das tut, dann aus freien Stücken, weil auch sie davon profitiert und es eurer Beziehung guttut.
Die Fortgeschrittene Lösung für die besonders „Reifen Seelen“ unter uns
Eine reife Seele (bzw. ein lebenserfahrener Mensch) lernt mit der Zeit, dass Angriff und Vorwürfe selten das Gewünschte bringen. Anstatt sich dadurch besser zu fühlen, fühlt man sich nach einem Streit meist noch schlechter und innerlich leer.
Man fühlt sich schuldig für Dinge die man im Effekt dem anderen vorgeworfen hat. Jemanden zu beschuldigen bedeutet machtlos zu sein bzw. sich machtlos zu fühlen.
Indem man jemanden dafür verantwortlich macht, wie man sich selbst fühlt, übergibt man die Macht über seine Gefühle und sein Wohlbefinden in fremde Hände. Niemand kann und sollte jedoch diese Verantwortung übernehmen.
„Reife Menschen übernehmen selbst die Verantwortung für ihre Gefühle“
Man kann die Macht über seine Gefühle jedoch zurückerlangen, indem man konsequent seine Gedanken beobachtet und sich bewusst dazu entscheidet, nur das Positive im Anderen zu sehen.
Jeder von uns hat den freien Willen, ob er sich in negative Aspekte oder in positive Aspekte „reinsteigern“ möchte. Man entscheidet sich jeden Tag aufs Neue (bewusst oder unbewusst), ob man sein Leben glücklicher oder trauriger machen möchte.
Reife Menschen übernehmen die volle Verantwortung dafür, wie sie sich fühlen und entscheiden sich bewusst dafür, nur den positiven Eigenschaften seines Gegenübers Aufmerksamkeit zu schenken.
Wenn man dies zu seiner Gewohnheit macht und immer nur nach schätzenswerten Eigenschaften anderer Menschen Ausschau hält, ändert sich nach und nach die Wahrnehmung.
Nach einer Weile fallen einem keine negativen Aspekte mehr zu einer Person ein. Oder sie verlieren zumindest an der negativen, emotionalen Wirkung auf einen. Dadurch kann man sich nachhaltig ein großes Stück Frieden und Glückseligkeit in sein Leben zurückholen.

„Sich selbst und dem anderen innerlich zu verzeihen ist der Schlüssel zur Lösung eines Streits“
Und was, wenn einem trotz der guten Vorsätze Mal der Kragen platzt?
Niemand ist perfekt und man wird nicht reif und in sich ruhend über Nacht. Es ist ganz normal, dass man trotz dem Vorsatz ruhig zu bleiben und nur das Positive zu sehen, sich dennoch in einen Streit reinsteigert. Mir hilft in solchen Situationen folgendes:
- Sobald man merkt, dass man sich ungewollt in einem Streit befindet, der auch offensichtlich auf nichts Konstruktives hinausgeht, hilft räumliche Trennung. Erkläre deinem Gegenüber, dass du nun Zeit für dich brauchst, um deine Gedanken zu ordnen. Vergewissere der Person, dass er/sie es nicht persönlich nehmen soll, sondern es helfen wird den Streit zu lösen.
- Wenn du dich ruhig zurückgezogen hast, akzeptiere die Gefühle die du spürst und danke ihnen gedanklich. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung und möchte auf etwas hinweisen. Atme tief durch und konzentriere dich nur auf das Gefühl des Luftstroms in deiner Nase bei jedem Ein- und Ausatmen, blende alle anderen Gedanken aus.
- Wiederhole gedanklich „Ich verzeihe mir und XY (die andere Person mit der gestritten wurde). Wir sind beide nur Seelen, die eine menschliche Erfahrung machen. Ich verzeihe XY, dass er noch nicht reif genug ist die volle Verantwortung für seine Gefühle zu übernehmen. Ich verzeihe mir selbst, dass ich auch nur ein Mensch bin und ich erst lernen muss die Verantwortung für meine Gefühle zu übernehmen. Ich verzeihe mir, dass ich nicht so reagiert habe, wie ich es mir vielleicht vorgenommen habe. Ich befinde mich im Prozess, jeden Tag ein bisschen gelassener zu werden. “
- Wenn man dies wiederholt spürt man irgendwann wie der „Knoten platzt“ und einem das Gefühl der Verzeihung durchströmt. Innerliche Versöhnung mit sich selbst und der anderen Person sind der Schlüssel um anschließend ein konstruktives Gespräch führen zu können.
- Wenn man die andere Person gut kennt und sich vertraut, kann man diese Vorgehensweise auch im Voraus besprechen, falls es mal zu einem Streit kommen sollte. Wenn beide im Streit ein „Codewort“ benutzen, um das Gespräch zu unterbrechen und die räumliche Trennung aufsuchen, um sich in das Gefühl der Verzeihung begeben, beschleunigt es die Versöhnung und die Lösungsfindung ungemein.
Ich hoffe ihr habt nun ein paar „Werkzeuge“ zur Hand, wie ihr in Zukunft besser mit Kritik und Streitthemen umgehen könnt. Was sagt ihr dazu? Wie geht ihr mit Streit um und was hat euch bislang geholfen Lösungen zu finden? Hinterlasst doch einfach einen kleinen Kommentar oder eine Nachricht.



